Die Waffe gegen Krebs

Strahlentherapie: Vom Status quo einer etablierten Methode
Die Strahlentherapie ist neben der Operation und der Chemotherapie die wirksamste und am häufigsten eingesetzte Methode gegen Krebs. Mindestens die Hälfte aller Krebs-Patienten werden mit Strahlen behandelt. Innovative Verfahren ermöglichen es heute, Tumoren gezielt zu bestrahlen und gesundes Gewebe weitgehend zu schonen. Das verringert Nebenwirkungen und erhöht gleichzeitig die Heilungschancen.

Die meisten Krebs-Patienten verbinden mit der Strahlentherapie etwas Bedrohliches und Unheimliches. Sie haben Angst vor den unsichtbaren Strahlen und befürchten, ihnen schutzlos ausgeliefert zu sein." Professor Dr. Dr.Jürgen Debus kennt die Ängste der Patienten. Er. ist Direktor der Abteilung für Radioonkologie und Strahlentherapie am Universitätsklinikum Heidelberg und Mitglied des Fachausschusses 'Klinische Forschung/Kliniknahe Grundlagenforschung' der Deutschen Krebshilfe.

Ultraharte Röntgenstrahlen
Die Strahlentherapie war in ihren Anfängen tatsächlich von mäßigem Erfolg und oft schwerwiegenden Nebenwirkungen geprägt. So gab es bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert Versuche, Haut- und Brustkrebs mit Röntgenstrahlen zu behandeln. Der übrige Körper wurde damals nicht vor den Strahlen geschützt. Außerdem fehlten geeignete "Werkzeuge", um den Tumor in der Tiefe des Gewebes gezielt .zu treffen. "Heute kann die Strahlenbehandlung mit physikalischen Methoden genau geplant und ihre Wirkung exakt gemessen werden", erklärt Professor Debus.

Bei der heutigen Strahlentherapie werden hauptsächlich so genannte ultraharte Röntgenstrahlen eingesetzt. Diese Strahlen werden in einem speziellen Gerät, dem "Linearbeschleuniger", erzeugt und auf den Tumor gerichtet. Diese Röntgenstrahlung ist sehr viel energiereicher als die Art der Strahlen, die zu diagnostischen Zwecken, also für Röntgenbilder, verwendet wird. Die früher häufig genutzte Gammastrahlung radioaktiver Substanzen, wie Kobalt und Cäsium, wird hingegen nur noch selten bei der Strahlentherapie eingesetzt.

Erbgut wird geschädigt
Die wesentliche Wirkung der Strahlentherapie besteht darin, dass die intensiven Röntgenstrahlen das Erbgut der Zelle schädigen. Die Folge: Die Zelle verliert ihre Fähigkeit sich zu teilen und stirbt schließlich ab. Oder sie wird dazu gebracht gleichsam Selbstmord zu , begehen. Strahlung wirkt sozusagen wie eine "Wachstumsbremse" für lebendes Gewebe. Gesunde Zellen können sich mit Hilfe von Reparaturmechanismen leichter von dem Schaden erholen als Krebszellen. Daher hat die schädigende Wirkung der Strahlen weit mehr Einfluss auf den Tumor als auf die umgebenden, gesunden Organe.

Bei vielen Tumoren wirksam
Die Strahlentherapie wird bei den meisten Krebsarten eingesetzt. Beispielsweise lassen sich Gebärmutter­ und Prostatakrebs sowie bösartige Tumoren der Lunge, des Gehirns und des Enddarms gut mit einer Bestrahlung behandeln. Die Strahlentherapie kann in Kombination mit einer Operation erfolgen, in manchen Fällen jedoch auch als alleinige Methode. "Dies ist vor allem dann der Fall, wenn ein chirurgischer Eingriff aufgrund der Tumorgröße nicht möglich ist. Oder wenn die Gefahr zu groß wäre, durch eine Operation lebenswichtige Strukturen zu verletzen", erläutert der Radioonkologe Debus. Dies gilt insbesondere bei Hirntumoren. Auch für Betroffene mit Kehlkopfkrebs kann die Strahlentherapie eine gute Alternative sein, um den Verlust der Stimme durch eine radikale Kehlkopfentfernung zu vermeiden. Beim Brustkrebs wird die Strahlentherapie vor allem dann angewandt, wenn brusterhaltend operiert wurde. Die Strahlen zerstören diejenigen Krebszellen, die durch die Operation nicht entfernt werden konnten.

Millimetergenaue Strahlung
Die zerstörenden Strahlen müssen millimetergenau ihr Ziel treffen, um den Tumor effektiv zu zerstören. Denn: Trifft der Therapiestrahl das bösartige Gewebe nicht genau, bleibt an manchen erkrankten Stellen die Dosis zu niedrig, und die Chance auf Heilung sinkt. Gleichzeitig kann gesundes Gewebe zu viel Strahlung abbekommen und so Schäden erleiden. Um dies zu verhindern, ist die Bewegungsfreiheit des Patienten unter der Strahlenquelle im Linearbeschleuniger sehr eingeschränkt. Außerdem wird der gesunde Bereich um den Tumor zusätzlich geschützt. Bildgebende Verfahren, welche die Lage des Tumors am Bildschirm darstellen, und speziell entwickelte Computerprogramme sind die wichtigsten Hilfsmittel der Radiologen. Mit ihnen können die Ärzte die Lage des Tumors vor der Bestrahlung genau erfassen und die Strahlung exakt ausrichten.

Strahlung von innen
Innere Organe können während der Strahlentherapie nicht ruhig gestellt werden. Beim Prostatakrebs beispielsweise besteht das Problem, dass sich das Organ durch seine Lage zwischen Dickdarm und Harnblase je nach deren Füllmenge verschiebt. Daher treffen die Strahlen immer auch gesundes Gewebe. Hier könnte bald ein neues Verfahren zum Einsatz kommen, das die Strahlungsrichtung während der Behandlung stets an die aktuelle Lage des erkrankten Organs anpasst.

Eine andere Methode, innere Organe gezielt zu bestrahlen, besteht darin, die Strahlenquelle im Körperinneren zu platzieren. Bei der so genannten "Brachytherapie" werden die Strahler im Körper nahe an oder sogar in den Tumor gebracht Dabei kann die Strahlenquelle in einem Hohlraum sein - zum Beispiel in der Speiseröhre oder der Gebärmutter - und dort in genau berechneter Weise ihre Strahlung abgeben. Oder der Arzt legt spezielle Nadeln oder Schläuche direkt in das Tumorgewebe ein, wie bei bestimmten Prostatakrebsarten. Die Strahlung hat dabei, im Gegensatz zur äußerlichen Bestrahlung, eine deutlich geringere Reichweite. Dadurch wird nur in einem sehr begrenzten Raum- eine hohe Strahlendosis erzielt, während das umliegende Gewebe weitgehend geschont wird.

Information ist wichtig
"Bei all der Technik darf der Arzt nicht den Patienten als Menschen vergessen. Er muss immer im Mittelpunkt stehen", betont Professor Debus. "Denn viele Patienten empfinden Angst, weil die Diagnose Krebs als lebensbedrohend empfunden wird und die Betroffenen meist nicht wissen, was auf sie zukommt" Es ist daher wichtig, dass der Arzt den Patienten über den Ablauf der Bestrahlung informiert und während der Therapie begleitet Mit dem blauen Ratgeber "Strahlentherapie" der Deutschen Krebshilfe kann sich der Patient zusätzlich über diese Behandlungsmethode informieren. Das Wissen kann dabei helfen, Ängste abzubauen und in der Strahlentherapie nicht etwas Bedrohliches, sondern eine wirksame Waffe im Kampf gegen den Krebs zu sehen.



Ambulante Therapie
In den meisten Fällen erhält der Betroffene die Strahlung vier bis fünfmal pro Woche in kleinen Einzeldosen und über einen mehrwöchigen Zeitraum verteilt Zwischen den einzelnen Bestrahlungen kann der Patient nach Hause gehen. Der Linearbeschleuniger steht aus Gründen des Strahlenschutzes häufig im Untergeschoss der Klinik. "Im Durchschnitt sind zwischen 25 und35 Bestrahlungen nötig", erklärt Professor Debus. Die genaue Zahl hängt von der Art und Beschaffenheit des Tumors sowie von der Höhe der Strahlendosis ab.

Obwohl es immer besser gelingt, die Strahlung exakt auf den Tumor auszurichten, ist eine Schädigung des gesunden Gewebes nicht völlig vermeidbar. So verschieden wie die Tumoren, so unterschiedlich sind auch die durch die Strahlenschäden ausgelösten Nebenwirkungen. Akute Beschwerden können unter anderem sein: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit und Mundtrockenheit. Die Art und das Ausmaß der unerwünschten Begleiterscheinungen hängen entscheidend davon ab, welche Körperteile bestrahlt werden und welche Strahlendosis verwendet wird. Außerdem unterscheiden sie sich von Patient zu Patient: Bei dem einen treten kaum Nebenwirkungen auf. Der andere wiederum reagiert stark auf die Therapie. "Die überwiegende Mehrzahl der Nebenwirkungen klingt nach Abschluss der Therapie jedoch wieder ab und kann oft durch zusätzliche Maßnahmen gelindert werden", weiß Professor Debus aus Erfahrung.

Zukunftsaussichten
Mediziner, Physiker, Ingenieure und Informatiker arbeiten intensiv zusammen, um die Strahlentherapie weiter zu verbessern und die Nebenwirkungen zu verringern. Dabei gilt ihr Interesse vor allem der Therapie mit so genannten Schwerionen. Die Strahlung dieser "schweren Teilchen" hat den großen Vorteil, dass ihre Wirkung weiter in das Körperinnere reicht als die konventionellen Röntgenstrahlen. Außerdem können die zerstörenden Strahlen noch exakter auf den Tumor gelenkt werden. "Im Idealfall treffen die Strahlen den Tumor so präzise, als hätte man ein chirurgisches Messer angesetzt", so der Mediziner. Die Entwicklung dieser Teilchenstrahlung ist jedoch sehr aufwändig und kostenintensiv. Daher wird es noch einige Jahre dauern, bis eine flächendeckende Versorgung realistisch ist.

Ein weiterer Ansatz zur Verbesserung der Strahlentherapie ist, Tumorgewebe mittels Ultraschallwellen gezielt zu erwärmen, damit es sensibler für die Strahlentherapie wird.
Deutsche Krebshilfe Heft Nr. 3/2005


nach oben


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken